Ein Reisebericht von Philipp Reeck
Mitte Mai hatte ich die Gelegenheit, nach Moldau zu reisen, um unsere Zentren zu besuchen und Kinder und Familien kennenzulernen, die von CONCORDIA unterstützt werden. Auf diese Reise möchte ich Sie mitnehmen und meine Eindrücke mit Ihnen teilen.
Moldau liegt knapp 2,5 Flugstunden von Stuttgart entfernt. Vom Flughafen geht es auf holprigen Straßen in die Hauptstadt Chișinău. Plattenbauten wachsen wie nebeneinandergeschichtete Bauklötze aus dem Boden, je mehr wir uns dem Stadtkern nähern. Reklametafeln werben blinkend für neue Produkte, während am Straßenrand alte LKWs mit Baumaterialien stehen und Melonen von Handkarren verkauft werden.
Ein Glas Ziegenmilch bei Irina
Nach einem kurzen Besuch im Büro, von dem aus alle 37 Unterstützungsangebote an den 25 Standorten im ganzen Land koordiniert werden, fahren wir am nächsten Tag in den Süden des Landes nach Comrat. Dort lerne ich Irina kennen, die mit ihren beiden Söhnen Andrei und Victor in einem kleinen Häuschen lebt. Es gibt kein warmes Wasser und die Küche liegt in einem überdachten Bereich vor dem Haus. Wie die Situation im Winter aussieht, wenn der Garten matschig oder gefroren ist, der Wind durch die offene Küche pfeift und die einzige Heizmöglichkeit der Holzofen im Inneren des Hauses ist, kann ich mir nur schwer vorstellen.
Irinas Mann, der Pfarrer und Stütze der Familie war, ist vor einem Jahr nach langer Krebserkrankung gestorben. Seitdem trägt sie die Verantwortung allein. Besonders schwierig ist die Situation ihres dreijährigen Sohnes Andrei, der eine Behinderung hat. Mehrere Anträge auf einen Behindertenstatus wurden abgelehnt, die medizinische Versorgung ist aufgrund der Entfernung zur Hauptstadt schwierig. Das mobile Team von CONCORDIA besucht die Familie regelmäßig, bringt Lebensmittel, Kleidung und Brennholz und unterstützt bei Behördenfragen und der medizinischen Versorgung.
Andreis Augen leuchten auf, als wir ihm eine Spielzeug-Autostraße schenken. Aufgeregt hüpft er umher, singt ein gagausisches Lied und strahlt beim Auspacken. Sein 13-jähriger Bruder Victor hilft ihm beim Aufbau. Später frage ich Victor, wie es ihm geht. „Es ist nicht immer einfach, aber meistens schaffen wir es irgendwie“, antwortet er. Er geht gerne laufen, seine Lieblingsfächer sind Mathematik und Kunst. Auf meine Rückfrage holt er ein paar seiner selbstgemalten Bilder, die er uns zurückhaltend und doch stolz zeigt. Auf einem ist das Meer zu sehen. Er sei noch nie am Meer gewesen, aber würde es gerne mal in seinem Leben sehen.
Hoffnung und neue Freundschaften
Am nächsten Tag besuchen wir das CONCORDIA-Multifunktionszentrum in Sănătăuca im Nordosten Moldaus. Als wir ankommen tanzen die Kinder gerade zu einem Lied auf dem Hof. Elena, eines der Kinder, schenkt mir zur Begrüßung ein selbstgemachtes Armband mit der Aufschrift „Hope“ – Hoffnung.
Das Zentrum bietet den Kindern einen Ort zum Lernen, Spielen und Essen. Es gibt Duschen und Waschmöglichkeiten sowie Räume für Hausaufgaben, Nachhilfe und auch psychologische Beratung. Für viele Familien ist das eine riesige Hilfe, denn in vielen Häusern fehlen diese für uns selbstverständlichen Dinge.
Nach dem Mittagessen bemalen wir gemeinsam mit den Kindern ausgediente Kochlöffel. Trotz der Sprachbarriere reichen ein Blick, ein Lächeln oder gemeinsames Lachen, um sich zu verständigen. Anschließend setzen wir uns in einen Kreis und beantworten zufällig gezogene Fragen. Elena steht auf und liest ihre vor: Was bedeutet Freundschaft für dich? „Wenn wir hier alle zusammen sind“, antwortet sie. Die anderen Kinder nicken zustimmend. Andrei, den ich beim Mittagessen kennengelernt habe, fragt: Welche Kleinigkeit macht deinen Tag schöner? „Wenn ich meiner Großmutter helfe.“ Seine Antwort bleibt mir im Gedächtnis. Was seinen Tag bereichert, ist die Freude, etwas für seine Großmutter tun zu können. Es zeigt sich, was für ihn wirklich zählt: nicht das, was er bekommt, sondern das, was er geben kann.
Hoffnung und Dankbarkeit
Die Reise nach Moldau und die Begegnungen mit den Menschen werden mich noch lange begleiten. Sie hat mir unterschiedliche Lebensrealitäten gezeigt und Begegnungen ermöglicht, die mich tief beeindruckt haben. Besonders eindrücklich zu sehen waren all die Menschen, die ihren Alltag unter schwierigen Bedingungen gestalten, Verantwortung übernehmen und trotz vieler Herausforderungen ihre Zuversicht bewahren. Und doch sind es nicht die schwierigen Umstände, die mir am stärksten in Erinnerung bleiben.
Was bleibt, sind die leuchtenden Augen von Andrei, als er seine Autostraße auspackt. Das stolze Lächeln von Victor, als er mir seine Bilder zeigt. Die Kinder in Sănătăuca, die Freundschaft über alles stellen und mir ein Armband mit der Aufschrift „Hope“ schenken.
Als ich Moldau verlasse, nehme ich weit mehr mit nach Hause als Erinnerungen. Da sind Demut und Dankbarkeit. Und die tiefe Überzeugung, dass selbst kleine Gesten Großes bewirken können, wenn sie mit Menschlichkeit, Respekt und echter Nähe verbunden sind. Vielleicht ist genau das die wichtigste Erkenntnis dieser Reise: Dass Hoffnung dort wächst, wo Menschen einander nicht vergessen. Dass Unterstützung den entscheidenden Unterschied macht. Für jedes einzelne Kind. Für jede Familie. Und für eine Zukunft, die trotz aller Herausforderungen voller Zuversicht sein darf.
