So lange, bis es gut wird

Unterwegs in Mimiu, einem der ärmsten Viertel Rumäniens

Ein Reisebericht von Philipp Reeck

Im April 2025 reiste ich nach Rumänien, um einige Projekte und Einrichtungen von CONCORDIA vor Ort kennen zu lernen. Unter anderem besuchte ich das Viertel Mimiu, in dem Ovidiu mit seiner Familie lebt. Meine Eindrücke und Gedanken dazu möchte ich nachfolgend teilen.

Philipp Reeck - CONCORDIA Sozialprojekte
Philipp Reeck

Meine Kollegin Diana Certan, die Länderdirektorin von CONCORDIA Rumänien, fährt mit mir aus der Stadt und das Bild verändert sich: Die historischen Gebäude werden zunehmend abgelöst von riesigen, teilweise trostlosen Wohnblocks, die langsam in großflächige Industriegebiete übergehen, bis wir auch diese hinter uns lassen und der dichte Verkehr etwas abnimmt. Die flache Landschaft rund um Bukarest ist geprägt von Landwirtschaft, ab und zu sieht man Kühe und Schafe, die zwischen den Kleinstädten und Dörfern grasen. In den dörflichen Regionen reihen sich meist einfache, einstöckige Häuschen aneinander. Während sie teilweise durch kunstvolle Schnitzereien verziert sind, haben sie meist nur ein einfaches Blechdach. Unser Ziel ist Ploiești – eine Stadt rund eineinhalb Autostunden nördlich von Bukarest. Hier betreibt CONCORDIA eines seiner drei Tageszentren in Rumänien.

Auf dem Weg in eines dieser Zentren machen wir einen Besuch in Mimiu, einem jener Viertel, wo die meisten Menschen in extremer Armut leben. Mimiu liegt außerhalb der Stadt Ploiești neben einem ehemaligen Industriegebiet. Von den schlichten Häuschen wie auf der Fahrt ist hier nicht mehr viel zu sehen. Zerfallende Gebäude und vor sich hin rostende Maschinen ragen in den Himmel, während stillgelegte Gleise von Büschen und Gestrüpp überwuchert werden. Die bis dahin asphaltierte Straße ist einer holprigen Schotterpiste mit Schlaglöchern gewichen, die vorsichtig umfahren werden müssen. Wir biegen langsam in einen Seitenweg ein und zwischen den verwitternden Anlagen, dem Müll und der staubigen Straße stehen erst vereinzelt, dann dicht gedrängt kleine und heruntergekommene Häuschen. Wir tauchen tiefer in das Viertel ein und die Armut wird mit jedem Meter nicht nur sichtbar, sondern auch spürbar. Egal wohin der Blick auch wandert, stößt er auf Baracken, trostlose Wege, staubigen Boden und Müll. Die kleinen Hütten und Gebäude sehen aus wie halbfertige Rohbauten, oft ohne Türen und Fenster. Dächer wurden notdürftig aus allem zusammengezimmert, was sich auftreiben ließ. Zwei weiße alte Plastikstühle stehen verlassen vor dem Eingang eines Hauses. Kinder spielen barfuß zwischen den Hütten und rennen durch Staub und Geröll. Ein paar Hunde liegen dösend in der Sommersonne.

Es ist ein Ort, der aufrüttelt. Und genau deshalb ist CONCORDIA hier: um für Kinder und Familien, die unter so schwierigen Bedingungen leben müssen, Hoffnung, Schutz und Perspektiven zu schaffen – Tag für Tag.

Nach offiziellen Angaben leben etwa 1.200 Menschen in Mimiu. Schätzungen und Erfahrungsberichte gehen jedoch von bis zu 3.000 Menschen aus. Offizielle Straßen mit eigenen Namen gibt es nur eine Handvoll, wobei auch diese nicht asphaltiert sind. In einigen Teilen des Viertels gibt es auch keine Kanalisation. Viele Menschen müssen zudem auch ganz ohne Wasseranschluss und Strom auskommen. Die von der Stadt geplanten Maßnahmen, um die Infrastruktur zu verbessern, wurden bisher kaum umgesetzt. Weil es keine geregelte Müllentsorgung gibt, bleibt den Menschen oft nichts anderes übrig, als den Abfall dort zu entsorgen, wo Platz ist – zwischen den Häusern, auf Höfen oder am Straßenrand.

Ich sehe all das und frage mich: Was ist ein Menschenleben wert? Wie kann es sein, dass Menschen in diesen Verhältnissen leben müssen? Und warum scheint sich niemand dafür zu interessieren?

Über die warmen Sommermonate mag das Leben in den einfachen Häuschen trotz all der widrigen Umstände noch irgendwie zu bewältigen sein. Doch wie die Familien im Winter bei Minusgraden ohne ordentliche Fenster und Türen, ohne Strom und Wasser leben können, kann ich mir kaum vorstellen. Die Straßen verwandeln sich in Matsch, bis sie schließlich gefrieren und der Winter das Viertel fest im Griff hält. Fest installierte Heizungen gibt es meist nicht, gekocht und geheizt wird mit Holz oder Strom. Von meiner rumänischen Kollegin erfahre ich, dass der Großteil der Menschen zwar schon seit Generationen hier lebt, die Grundstücke ihnen jedoch meist nicht gehören. Die Hütten und Baracken wurden aus der Not von ihren Großeltern gebaut, um ein Dach über dem Kopf zu haben. Die nachfolgenden Generationen sind in den Häuschen aufgewachsen und für sie ist das ihr Zuhause, auch wenn es ihnen nicht offiziell gehört. Viele Familien leben in einem Kreislauf der Generationenarmut, der ihnen kaum eine Perspektive außerhalb dieses Viertels lässt – nicht nur, weil es ihr Zuhause ist, sondern weil ihnen Alternativen fehlen.

Wie kann ein Kind in solchen Verhältnissen lernen?

Ohne sauberes Wasser, teilweise ohne Strom, ohne Rückzugsort oder einen ruhigen Platz zum Hausaufgabenmachen? Ich denke an meine Neffen und Nichten, die meist ein eigenes Zimmer, einen Schreibtisch und gute Schulmaterialien haben. Sie schlafen in einem warmen Bett und werden sicher zur Schule gebracht. Die Frage, ob sie etwas zu essen bekommen, stellt sich ihnen gar nicht erst. Was für uns selbstverständlich ist, stellt in Mimiu die Ausnahme dar. Kinder wie Ovidiu können davon nur träumen.

Die Armut erschwert das Leben der Kinder auf so viele unterschiedliche Arten. CONCORDIA kennt diese Probleme und setzt genau an dieser Stelle an: Das mobile Team ist mit seinen Sozialarbeitern und Sozialarbeiterinnen regelmäßig im Viertel unterwegs und unterstützt die Familien und Kinder. Über Jahre hinweg wurden Beziehungen und Vertrauen aufgebaut. CONCORDIA hilft vor Ort mit Lebensmittelpaketen, Babynahrung, Kleidung, Möbeln, medizinischer Versorgung und psychosozialer Beratung.

Viele der Kinder aus Mimiu kommen täglich in das nahegelegene CONCORDIA-Tageszentrum Casa Alexandra. Das Zentrum gibt es seit 2015 und es werden Kinder im Alter zwischen sechs und 16 Jahren betreut. Für viele Kinder ist das Zentrum oft die einzige Möglichkeit, ein warmes Essen und Unterstützung im Alltag zu erhalten. Denn im Zentrum wird für jedes Kind ein individueller Entwicklungs- und Betreuungsplan entwickelt. Von einer Lehrerin bekommen die Kinder Hilfe bei den Hausaufgaben, da viele Kinder aufgrund ihrer Lebenssituation in der Schule nicht hinterherkommen. Außerdem werden sie von einer Sozialarbeiterin unterstützt, von einer Psychologin betreut und regelmäßig von einer Krankenschwester untersucht. Der Tagesablauf im Zentrum richtet sich dabei nach dem rumänischen Schulsystem, das sich vom deutschen unterscheidet: vormittags werden in der Schule kleine Kinder in den Stufen 1-4 unterrichtet, nachmittags die Kinder aus den höheren Klassen. Entsprechend besuchen vormittags die älteren und nachmittags die jüngeren Kinder das Zentrum, mittags erhalten alle ein warmes Essen.

Was das Zentrum für die Kinder bedeutet? „Ich mag das Zentrum, weil ich immer hierherkommen kann und jemand für mich da ist“, antwortet mir eines der Mädchen im Zentrum, das gerade seine Hausaufgaben macht. Ein anderes Kind besucht das Zentrum schon seit neun Jahren. Auf meine Frage, was es am liebsten im Zentrum macht, antwortet der Junge mit strahlenden Augen „Gitarre spielen.“. Das Zentrum gibt den Kindern das, was ihnen zuhause aufgrund der Armut nicht geboten werden kann: Einen Raum um sich zu entwickeln, zu lernen, zu spielen und einfach Kind zu sein.

Im Zentrum lerne ich Jonny kennen – einen der Sozialarbeiter, der täglich nach Mimiu geht. Er kennt die Familien seit Jahren, hört zu, berät bei sozialen und gesundheitlichen Fragen, bringt bei Bedarf Kleidung, Schuhe oder Lebensmittel. Durch seine Nähe zu den Menschen erkennt er früh, welche Kinder dringend Unterstützung brauchen.

Die Zahlen, die er mir nennt, machen betroffen: in Rumänien muss im Schnitt jedes zehnte Kind hungrig zu Bett gehen. Im ländlichen Raum ist es sogar jedes fünfte Kind. Eine unvorstellbare Zahl, die greifbar macht, wie viele Kinder wirklich auf Hilfe angewiesen sind. Mit 40 Prozent Kinderarmut hat Rumänien heute noch den höchsten Wert in der EU.

Nachdem in den 1990er-Jahren viele staatliche Kinderheime in Rumänien geschlossen wurden, landeten viele Kinder auf der Straße. CONCORDIA errichtete daraufhin mehrere Häuser, in denen Kinder in familienähnlicher Gemeinschaft aufwachsen konnten. Seither wurden die Angebote stetig weiterentwickelt. Heute gehört CONCORDIA zu den wichtigsten Hilfsorganisationen im Land. Zwar gibt es heute kaum noch Straßenkinder, aber noch immer leben viele Kinder und Familien nach wie vor in extremer Armut und leiden unter Hunger – Ovidiu ist eins davon. Um Kinder im Alltag unterstützen zu können, sind unsere Tageszentren wie jenes in Ploiești unverzichtbar. Um den Kreislauf der Armut zu durchbrechen, ist neben der Erfüllung der täglichen Grundbedürfnisse Bildung der wichtigste Schlüssel. CONCORDIA ermöglicht es Kindern trotz der widrigen Umstände Zugang zu Bildung zu erhalten, Unterstützung und Struktur im Alltag zu erfahren, um einen Schulabschluss zu machen und im Anschluss ein eigenständiges Leben zu führen.

Am Ende meines Besuchs lasse ich meinen Blick nachdenklich über Mimiu schweifen. Die Eindrücke lassen mich nicht los. Die Lebensumstände der Kinder und Familien hier sind erschütternd: Viele der kleinen Häuser wirken kaum bewohnbar, die Armut ist überall spürbar. Und dennoch begegnen mir Menschen, die – so wenig sie auch haben – Tag für Tag ihr Bestes geben, um in Würde zu leben.

Ich bin dankbar, Teil einer Organisation zu sein, die diesen Menschen zur Seite steht. CONCORDIA hilft – mit offenen Ohren, mit offenen Herzen und mit ganz konkreter Unterstützung. Seit über 35 Jahren schenken wir Kindern in Rumänien neue Zukunftsperspektiven und zeigen ihnen: Du bist nicht allein. Wir glauben an dich. Wir helfen dir.

Auch wenn sich sonst kaum jemand für das Schicksal dieser Kinder zu interessieren scheint – CONCORDIA bleibt. So lange, bis es gut wird.

Die Kinder vor Ort kennenzulernen, ihre Geschichten zu hören und mit eigenen Augen zu sehen, welchen Unterschied unsere Arbeit macht, hat mich tief berührt. Es hat mich demütig und zugleich unglaublich dankbar gemacht. Ja, es gibt noch viel zu tun. Aber ich habe erlebt, dass jede Geste zählt. Jede Hilfe schenkt Hoffnung. Jeder Beitrag verändert Leben.